Moritz Strohm Blog

Raus aus Friendica, rein in den Blog!

Es ist eigentlich nur eine Kleinigkeit, die verhindert, dass ich meine Instanz des „sozialen“ Netzwerkes Friendica weiterhin normal nutze. Nach dem Update auf eine neue Version braucht Friendica eine Änderung an den Einstellungen des Datenbankservers, um wieder lauffähig zu sein. Diese Änderung müsste ich nur bei meinem Shared Hoster anfragen, aber auch dazu kann ich mich nicht entschließen. Ich habe einfach keine Lust mehr, zu Friendica zurückzukehren. In den Wochen nach dem fehlgeschlagenen Update keimte in mir der Gedanke auf, dass soziale Netzwerke für die Internetkultur einen schädlichen Einfluss haben können, was ich im Folgenden näher erläutern werde.

Lange Beiträge werden werden nach meinen Erfahrungen in den dezentralen Netzwerken Diaspora und Friendica nicht gelesen. Dieser Blogbeitrag wäre zum Beispiel zu lang für „soziale“ Netzwerke. Mit etwas Glück würde ihn einer der hunderten von Leuten lesen, der Rest würde einfach zum nächsten Beitrag wechseln. Wenn man im „Stream“ (Strom von Beiträgen) zu 99% kurze Beiträge mit einem oder höchstens drei Absätzen vorfindet und dann plötzlich ein seitenlanger Beitrag dazwischen erscheint, denkt man sich „ohje, so viel Text“ und überspringt den Beitrag lieber. Man kann den ja später lesen, wenn man mehr Zeit hat, wozu es aber nie kommt. Das führt in Konsequenz dazu, dass der Spruch „In der Kürze liegt die Würze“ in diesen Netzwerken umso bedeutender ist. Um möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, muss der Inhalt eines Beitrags möglichst kurz und möglichst gut verständlich auf den Punkt gebracht werden. Mit etwas Übung ist das zwar machbar, allerdings erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Mißverständnisse, je kürzer der Text gefasst ist. Gerade ein kommerziell agierendes Netzwerk, das lange für seine Zeichenbegrenzung auf 160 Zeichen pro Beitrag bekannt war, wurde ebenso für häufige Wutanfälle seiner Nutzer (oft „Shitstorms“ gennant) bekannt.

Ein weiteres Problem in den dezentralen „sozialen“ Netzwerken ist die Degeneration der Netzwerke selbst. Anfang der 2010er-Jahre gab es zum Beispiel auf Diaspora viele Kreative und Alternative, die gerne neue Ideen und Beispiele für neue Lebensentwürfe teilten. In meiner damaligen Filterblase spielten die Themen Bedingungsloses Grundeinkommen, direkte Demokratie, das Leben außerhalb der Konsumgesellschaft und ein harmonievoller Umgang mit der Natur eine große Rolle. Es war üblich, eigene Ideen für tolle neue Projekte oder eindrucksvolle Kunstwerke vorzustellen. Je näher die Mitte der 2010er-Jahre rückte, desto mehr Leute betraten die Bühne, die (schlechte) Nachrichten ohne eigene Meinung teilten, indem sie einfach nur einen Link zu einer Nachricht in einen Beitrag verpackten und auf „Veröffentlichen“ klickten. So wurden Diaspora, Friendica und andere Netzwerke zu ablenkenden Nachrichtenschleudern, die mitunter schlechte Laune beim Lesen machten. Auch ich habe da mitgemacht, weil es üblich war und damit unbewusst zur Degeneration in den dezentralen „sozialen“ Netzwerken beigetragen. Mit dem Teilen einer Nachricht am Tag fing es an. Das würde ja nicht schaden. Dann wurden es zwei, vier und vielleicht sogar mehr, weil man dachte, man teilt ganz besondere Nachrichten, die andere noch nicht kennen. Geteilte Nachrichten bekamen einige Herzen („Likes“, „Gefällt mir“) und wurden geteilt während die selbstgeschriebenen Beiträge, bei denen sich manche Leute echt Mühe gegeben haben, untergingen und kaum noch Beachtung fanden. Es waren halt keine (schlechten) Nachrichten.

Trolle lieferten einen nicht unerheblichen Beitrag zur weiteren Degeneration. Sinnvolle Diskussionen wurden entweder abrupt unterbrochen und von Trollen übernommen oder konnten garnicht erst beginnen, weil Trolle von Anfang an die Diskussion steuerten. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Trolle vom rechten, bürgerlichen oder pseudolinken politischen Spektrum kamen. Sie vergifteten konstruktive Diskussionen mit Hass, oberlehrerhaften Ausfällen oder unsinnigen Kommentaren, die manche Diskussionsteilnehmer dann in Wut versetzten, was sich im weiteren Verlauf der „Diskussion“ niederschlug. Trolle machten Diskussionen nicht nur anstrengend, es kam auch vor, dass man selbst an manchen Punkten eine unheimliche Wut entwickelte, weil das Gegenüber ein solches soziopathisches Arschloch zu sein scheint. Die technische Lösung des Problems besteht in Blockierlisten, mit denen den Trollen der Zugang zu bestimmten Profilen (oder gar bestimmten Instanzen) verwehrt wird.

Die Diskussionskultur degenerierte jedoch nicht nur wegen Trollen. Manche gingen zum übermäßigen Blockieren über und blockierten alles und jeden, der eine Meinung hatte, die aber zu kontrovers war. So bildeten sich Filterblasen oder „safe spaces“, in denen Teilnehmer bestimmter Gruppen sich gegenseitig bestätigen konnten, ohne von Kritik „belästigt“ zu werden. Wo früher noch verschiedene Meinungen ausgehalten werden konnten, wird jetzt einfach blockiert, damit man sich bloß nicht „diskriminiert“, „getriggert“ oder sonstwie fühlen muß. Diese Leute stehen mit ihren Ansichten auf ganz wackeligem Fundament und wenn ein gut platziertes Gegenargument ihnen den Boden unter den Füßen wegreißt, werden sie ausfallend. So ist auch keine Diskussion mehr möglich, sofern man nicht sowieso nach dem ersten Kommentar gesperrt wurde.

Auch wenn es letztendlich kaum noch richtige Diskussionen gab, wurden immer noch einige Beiträge geteilt. Selbstdarstellung gehörte natürlich dazu, ebenso wie die täglichen Nachrichten. Wenn man die Anzahl seiner Kontakte nicht stark begrenzte, flatterten schnell mal über hundert Beiträge durch den Stream, die alle gelesen werden wollten. Rückblickend war das meiste davon Müll und verschwendete Zeit, weil es nicht lange im Gedächtnis blieb. Dafür waren die Beiträge zu uninteressant oder waren vielleicht auf den ersten Blick interessant, aber aufgrund des Inhalts dem Unterbewusstsein dann doch zu unbedeutend für eine dauerhafte Speicherung im Langzeitgedächtnis. Es ist unglaublich einfach, einen Beitrag zu schreiben, der einen flüchtigen Gedanken schnell in die Öffentlichkeit trägt. Danach braucht man sich nicht mehr damit zu beschäftigen, insbesondere, wenn es keine Reaktion gibt. Bei letzterem scheint der Beitrag für andere dann nicht interessant genug gewesen zu sein. Macht nichts, der nächste „Gehirnfurz“, der seinen Platz im Stream beanspruchen möchte, kommt bestimmt. Ob das jetzt zu platt ist? Nun, wenn man einen Gedanken weit ausformulieren möchte, braucht es Zeit und viel Platz. Zu viel Platz für einen Beitrag in einem „sozialen“ Netzwerk.

Seit mehreren Wochen habe ich die „sozialen“ Netzwerke hinter mir gelassen. Die Zeit, die das Durchschauen des Streams auf Friendica vorher eingenommen hatte, verwende ich nun mit dem Lesen von Büchern, Elektronikbasteleien oder mit Programmierarbeiten. Das Stressnivau scheint auch gesunken zu sein. Ich bereue meinen Entschluss zum Verlassen der „sozialen“ Netzwerke nicht. Wer diesen Blogbeitrag liest und über ein „soziales“ Netzwerk hierher gekommen ist, kann ja im Selbstversuch eine Woche auf das Netzwerk verzichten. Echte Freunde werden auch über andere Kommunikationskanäle Kontakt halten und zum Beispiel (verschlüsselte) E-Mails schreiben. Wenn man sich der ganzet Welt mitteilen möchte, scheinen Blogs die bessere Alternative zu sein.

Wenn ich statt diesem Blogbeitrag einen Beitrag in einem „sozialen“ Netzwerk geschrieben hätte, wäre dessen Inhalt in etwa der folgende:

Meine Friendica-Instanz läuft nach dem Update nicht mehr. Ich müsste nur dem Shared Hoster bescheid sagen, dass er eine Einstellung ändern müsste, damit sie wieder läuft. Aber ich will nicht mehr zu Friendica. Dafür haben sich die „sozialen“ Netzwerke zu sehr degeneriert: Zu viele Nachrichten im Stream, zu viele Trolle, zu wenig neue Ideen, kaum noch Diskussionen. Deshalb macht's gut. Oder macht auch mal ne Pause von diesen Netzwerken, das tut gut.